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Bald auf eigenen Füßen

Sendenhorst (hus). „Der 30. September 2013 ist der letzte Tag, an dem man Alkohol an Vater Staat liefern kann“: Die Aufhebung des Branntweinmonopols zu diesem Stichtag stellt für den Sendenhorster Brenn- und Destillateurmeister Jochen Horstmann eine Zäsur dar. So macht er sich heute mehr denn je Gedanken, wie es in 471 Tagen mit seinem Besichtigungsbetrieb am alten Postweg 36 weitergehen soll.

horstmann2012

Der „Horstmann’s Korn“ wird in Sendenhorst und Umgebung geschätzt. Und nicht nur dort: Jährlich lässt Jochen Horstmann seinen 32-prozentigen Korn von der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) testen und bewerten. Dabei erhielt er 2012 die Auszeichnung als Jahrgangsbester. Doch dieses Produkt und die von ihm kreierten Liköre sind nur ein kleiner Teil dessen, was die Brennerei herstellt. Den überwiegenden Teil des jährlichen Ausstoßes von 2500 Hektolitern liefert sie an die Bundesmonopolverwaltung für Branntweine (BfB), die 90 Prozent des von Horstmann produzierten Rohalkohols abnimmt. Während die BfB, die ausschließlich Alkohol aus nachwachsenden Rohstoffen bewirtschaftet, die angelieferten Flüssigkeiten weiter reinigt und für anschließende Verwendungszwecke aufbereitet, kann der Brenner mit festen Einnahmen kalkulieren.

Bericht und Foto: Ralf Westhues, Die Glocke


 

 

Nur: Dieses System ist ins Wanken geraten. Bis 1976 hat die BfB aufgrund des bis dahin bestehenden Einfuhrmonopols noch Gewinne erwirtschaften können. Nach einem Schiedsspruch des Europäischen Gerichtshofs wurde dann auch Anbietern aus anderen EU-Staaten ermöglicht, ihren unverarbeiteten Alkohol in Deutschland abzusetzen. Um die deutschen Produkte auf dem EU-Markt platzieren zu können, benötigt die BfB heute neben ihren erwirtschafteten Erträgen einen jährlichen Zuschuss aus dem Bundeshaushalt, der gegenwärtig bei rund 80 Millionen Euro liegt. Nachdem die EU immer wieder Verlängerungen zugestimmt hat, läuft das Monopol für landwirtschaftliche Verschlussbrennereien, so die fachmännische Bezeichnung, nun endgültig im kommenden Jahr aus.

Branntwein hat in Sendenhorst eine lange Tradition. Vor 120 Jahren etwa bestanden dort noch 18 Brennereien, die den Markt der Region versorgten. Doch im Laufe der Jahrzehnte wurde deren Zahl ausgedünnt. So produzieren laut Horstmann derzeit noch drei Brennereien auf Sendenhorster Stadtgebiet, wobei die Brennerei Horstmann die einzige mit Eigenvermarktung sei.

Und hier setzen Jochen Horstmanns Planungen für die Zeit nach dem Wegfall des Monopols an: „Ich mache weiter, auch wenn das Monopol beendet ist“. Dabei setzt er auf seine Feindestillate. Derzeit bietet er neben seinen Korn-Schnäpsen 16 Liköre an, und er denkt über eine Ausweitung der Produktpalette um Obstbrände nach. Und was viele nicht wissen: Jochen Horstmann ist auch Landwirt, der über 45 Hektar Anbaufläche verfügt. Rund 700 Tonnen Weizen sind jährlich benötigt worden, um den Ausstoß von 2500 Hektolitern Alkohol zu erreichen.

Bleibt nur die Frage, was künftig aus den Tanks wird, in denen Horstmann den produzierten Alkohol sammelt. Die sind ab Oktober 2013 definitiv eine Nummer zu groß. „Ich lass das erst einmal so stehen“, setzt der 57-Jährige auf Abwarten. Die 30 Jahre alten Edelstahltanks halten, so Horstmann, locker noch einmal dieselbe Zeit. Eine Verpachtung von Überkapazitäten an Mitbewerber schließt er nicht aus.

Irgendwann einmal wird sein Sohn Jens dann die Brennerei übernehmen; die seit 1850 andauernde Familientradition bleibt demnach gewahrt. Der 17-Jährige absolviert derzeit eine Ausbildung zum Destillateur.

 

Hintergrund

 

Die Bundesmonopolverwaltung für Branntwein (BfB) mit Sitz in Offenbach hat als Oberbehörde des Bundes im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Finanzen die Aufgabe, das Branntweinmonopol zu verwalten. Sie ist die Nachfolgeorganisation der 1922 gegründeten Reichsmonopolverwaltung. Letztere war gegründet worden, um die unkontrollierte Herstellung und den Vertrieb von Branntwein zu Beginn des 20. Jahrhunderts in geordnete Bahnen zu lenken – vor allem, um gesundheitliche Gefahren von der Bevölkerung abzuwenden.

Nach dem Krieg wurde die Behörde 1951 in Offenbach neu gegründet. Die BfB ist verpflichtet, den in Deutschland hergestellten Agraralkohol aus kleinen und mittelständischen landwirtschaftlichen Brennereien zu übernehmen und zu reinigen. Sie steht in Kontakt mit rund 600 landwirtschaftlichen Kartoffel- und Getreide-Verschlussbrennereien. Der von der BfB vermarktete Monopolsprit wird in der Herstellung von Spirituosen, Aromen, Arzneimitteln und Kosmetika verwendet. Quellen: BfB, Wikipedia

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